Oberstufentheater:"Die apokalyptische Show von den vier Flüssen Manhattans"
"Manhattan ist übrig geblieben und lebt in einer Zeit
des Krieges und der Verzweiflung." Zu Beginn des Theaterstücks "Die
apokalyptische Show von den vier Flüssen Manhattans" des Schweizer
Autors Tim Krohn zeichnet Guadalquivir (Linda Sellami) in einem Epilog ein
düsteres Bild von der Zukunft. Ausgangssituation der diesjährigen
Produktion des Oberstufentheaters am Hermann-Staudinger-Gymnasium unter der
Leitung von Dieter Schaller, die am vergangenen Dienstag in der Aula des Gymnasiums
aufgeführt wurde, ist das Manhattan des Jahres 2030. Nach einer verheerenden
Umweltkatastrophe im Jahr 2009 ist die Welt zu einer Wüste geworden. Manhattan
präsentiert sich in der Folge davon als eine keimfreie Metropole, in der
das Trinkwasser strengstens rationiert ist. Wer zu viel davon verbraucht, wird
als Sozialschädling eingesperrt.
Protagonistinnen des Stücks sind die "Sozialschädlinge", vier Frauen, die jede auf ihre Weise "krank" sind, weil sie zu viel Wasser absondern, das durch das kostbare Trinkwasser ersetzt werden muss. So ist eine ständig am Wasser lassen (Katharina Li), eine andere (Linda Sellami) erbricht sich regelmäßig – nicht ohne sich jedes Mal beim Publikum zu entschuldigen –, der dritten tränen nahezu ununterbrochen die Augen (Miriam Sabrowski) und die vierte schwitzt unablässig (Jasmin Pfirrmann). Sie sind als kranke Außenseiter in einer Klinik interniert, von der Außenwelt abgeschnitten. "Bis gestern glaubten diese Frauen, dass die Welt sie vergessen hat", doch im Heute hat sich die Situation geändert. Von einer Praktikantin (Maria Urbanczyk) und ihrer Wärterin (Sylvia Lehmann) werden sie darüber informiert, dass die Leute "draußen" über ihr Schicksal abgestimmt haben. Kurz gesagt: Die Patientinnen kosten zu viel, verbrauchen zu viel und sind dadurch unnütz. Daher verlangt man von ihnen, dass sie den Freitod wählen mögen. Dies geschieht freilich unter dem Deckmäntelchen der Menschlichkeit, indem man sie für diese großartige "Leistung" schon im Vorfeld zu Heldinnen hochstilisiert. Die Reaktionen darauf sind nach harten Wortgefechten unterschiedlich: Die Schwitzende hört auf zu schwitzen – für immer – und wird der Recyclinganlage (Friedhöfe gibt es nicht mehr) zugeführt. Die Tränende unterschreibt ihr Todesurteil, während die beiden anderen sich weigern. Letzteres mündet in Guadalquivirs Schlussmonolog – ein letzter Blick in die nahe Zukunft: Manhattan wird von einer großen Flutwelle ausgelöscht werden.
Vor dem Hintergrund eines angemessen schlichten Bühnenbildes setzten
die sechs Schauspielerinnen diese bedrohliche Zukunftsvision in sehr überzeugender
und einfühlsamer Weise um. Hierbei kamen die Zuschauer nicht ungeschoren
davon, denn sie wurden mit Fragen konfrontiert, die sich niemand gerne stellt,
die man sich aber stellen sollte: Was wird geschehen, wenn die große
Katastrophe hereinbricht? Wie werden die Menschen in derartigen Ausnahmesituationen
reagieren? Und angesichts jüngster Diskussionen gerade in unserem Sozialstaat
müssen wir gar nicht in die allzu ferne Zukunft blicken, denn letztlich
geht es in diesem Stück um den Umgang mit den "anderen", den
Gebrechlichen, Kranken und Schwachen, den Randgruppen der Gesellschaft. Eine
bedrohliche, menschenfeindliche Lösung bietet das Stück an und jeder
kann darüber nachdenken, ob er es wirklich so weit kommen lassen will.
Schwere Kost folglich, die Dieter Schaller mit seinen brillianten Darstellerinnen überzeugend in Szene setzte. Der lang anhaltende und begeisterte Schlussapplaus zeigte, dass er den Nerv des Publikums getroffen hatte und manch einer – so schien es – schlich mit sehr nachdenklicher Miene aus der Aula.
Foto oben (Martin Lange): von links nach rechts: Jasmin Pfirrmann, Linda Sellami, Miriam Sabrowski, Katharina Li, Sylvia Lehmann, Maria Urbancyk
Foto (Haberkorn / Lange): von links nach rechts: Maria Urbancyk,
Jasmin Pfirrmann
(im Rollstuhl), Sylvia Lehmann, Linda Sellami, Katharina Li, Miriam Sabrowski
Martin Lange
