Albtraum eines jeden Regisseurs: Wir müssen kürzen!
Unterstufen-Theater des HSG präsentier "Tempo", ein rasantes und amüsantes Stück
"Wir spielen modernes Theater - da versteht sowieso niemand etwas!" Vielleicht hat siche am Ende von "Tempo" noch nicht jedem Zuschauer der Sinn des Stückes erschlossen. Klar war aber, dass die 29 Schüler des HSG ihr Bestes gegeben hatten und mit ihrem rasanten Spiel dem Titel des Stücks alle Ehre machten. Am Montagnachmittag wurde die zweite Produktion der Unterstufen-Theatergruppe im Würzburger Mainfrankentheater uraufgeführt, am Dienstag und Mittwoch durften die Schüer dann in der Aula des HSG ihr Heimspiel absolvieren.
Der fast klassiche Prolog des Clowns (Anne Matthiesen) wird jäh von der energischen und resoluten Regisseurin (stets bezaubernd: Kathrin Will) unterbrochen. Der Albtraum eines jeden Regisseurs ist für sie wahr geworden: Sie muss feststellen, dass das Stück, das man sich vorgenommen hat, viel zu lang ist. "Wir müssen kürzen!" ist die einzig mögliche Lösung. Sofort protestieren die Darsteller, drohen sogar mit Streik und so einigt man sich darauf, dass eben schneller gespielt werden muss, um Zeit zu sparen. Ein wilder Wettlauf gegen die Zeit beginnt und bei den einzelnen Szenen ist die Regisseurin nur schwer zufrieden zu stellen. Eine Liebesszene muss auf ein Minimum reduziert werden, und so werden Kennenlernen, Heiraten und Kinderkriegen auf wenige Minuten verkürzt.
Die Urlauberfamilie lässt nicht mit sich reden und drei Wochen Urlaub müssen somit im Eiltempo dargestellt werden. Prinz und Prinzessin wollen sich einfach nicht an das Drehbuch halten und bringen die Regisseurin an den Rand des Wahnsinns.
Keine Zeit für Diagnosen
So reiht sich Szene an Szene. Nicht jede klappt, denn ein eiliges Rennen im Wartezimmer können die anwesenden Ärzte gar nicht für gut befinden. Schließlich "hat jeder ein Recht darauf, im Wartezimmer zu warten". Ein Blick ins Behandlungszimmer zeigt dann, dass Ärzte und Patientinnen sich zwar einen beeindruckenden verbalen Schlagabtausch liefern können, für ernsthafte Diagnosen aber keine Zeit bleibt. Um so verwirrender die Szene um den Boxerrüden der Familie Lodemann, in der eine Ohrfeige fünfmal wiederholt und in Zeitlupe ad absurdum geführt wird.
Die scheinbar zusammenhanglosen Szenen werden immer mehr ineinander verflochten, indem Figuren aus vorherigen in späteren Szenen wieder auftauchen. Dadurch kann der aufmerksame Zuschauer eine roten Faden erkennen. Unterstützt wird er von den Bühnenarbeitern (Meister der Nebenrollen: Franziska Kubisch, Daniel Philipps, Sebastian Jahn), die für einen zusätzlichen Rahmen sorgen. Die ganze "schnelle Spielerei" mündet schließlich in eine fulminante Abschlussszene, in der alle Darsteller mehr oder weniger gleichzeitig beweisen, dass sie dazu in der Lage sind, was unmöglich scheint: 29 Darsteller können auf einer Bühne stehen und sinnvoll Theater spielen.
Unmöglich ist es leider dennoch, alle Akteure einzeln hervorzuheben. ein Höhepunkt war mit sicherheit die Prinzessin (Judith Krenz), die die ewige Unentschlossenheit ihres um sie werbenden Prinzen letztlich satt hat und sich mit einer wunderbaren Darbietung ihrer Sangeskünste bei "StarSearch" bewerben will. Sehr überzeugend auch die hysterische Frau Kottmann (Linda Hillerich) und ihre Rivalin Fräulein Heidenreich (Helene Rothenbücher), die dem armen Herrn Kottmann (stets souverän: Julius Pollinger) das Leben zur Qual werden lassen. Und natürlich die wild gewordenen Pfarrerin (Melanie Fuchs), die mehrfach versucht das Stück zu verhindern und die Regisseurin nicht nur verbal attackiert.
Vergnügliches Gesamtkunstwerk
Einmal mehr konnten die Jungschauspieler ihr Talent unter Beweis stellen. Sie präsentierten trotz der Größe der Gruppe ein sehr vergnügliches Gesamtkunstwerk. Häufiger Szenen- und der lang anhaltende Schlussapplaus belegten dies deutlich. Das ursprüngliche Stück von Hans-Peter Tiemann wurde dabei fast vollständig verändert. In Würzbuirg durfte sich die Gruppe so einer Zugabe stellen, einzelne Szenen wurden auf Wunsch noch einmal wiederholt.
Text: Martin Lange
BilderMarcel Rother 9b
